Offenbar wanderte kürzlich ein gedankenverlorener Blick aus einem Büro des Wirtschaftsraum Bern zur gegenüberliegenden Fassade der Nägeligasse, kletterte hinab auf die Strasse und blieb an einer unscheinbaren Metalltüre hängen, oben Glas und unten schlichtes Metall in mattweiss gehalten. Kein Logo, kein Firmenzeichen oder sonst irgendein Hinweis, was sich wohl dahinter verbergen könnte. Auch der Blick durch das Glas offenbart lediglich eine steile Treppe, die ins Untergeschoss führt.

 

Meist ist die Türe geschlossen, aber zu bestimmten Tageszeiten – frühmorgens und frühabends – ist dort für jeweils circa zwei Stunden ein reger Personenverkehr auszumachen. Frauen und Männer verschiedensten Alters- und Gesellschaftsschichten gehen ein und aus. Viele wirken vorher leicht gehetzt und nachher ruhiger, manche schauen sich verstohlen um, vorher und nachdem sie nach kurzer Zeit wieder auf die Strasse treten.

Ich gehöre auch zu diesem verschworenen Kreis von «Eingeweihten», die besagte Tür zwei- bis sechsmal im Tag öffnen und bin deswegen angefragt worden, etwas über die Tür, vielmehr, was sich dahinter verbirgt, zu erzählen. Dass von aussen nicht auszumachen ist, was drinnen vorgeht, ist Absicht! Also werde ich Ihnen erzählen, was sich hinter dieser unscheinbaren Türe an der Nägeligasse verbirgt: Hier wird seit Jahren kontrolliert «Heroin vom Staat» an Schwerstsüchtige abgegeben. Es ist die kleinere von zwei Abgabestellen in Bern.

Während der Zeit der «offenen Drogenszenen» in den 1980er Jahren war die Nägeligasse eine von mehreren Anlaufstellen, damals «Fixerstübli» genannt. Dort konnte Heroin gespritzt, gebrauchte Spritzen umgetauscht oder eine Dusche genommen werden – das «Fixerstübli» bot Raum für eine kurze Verschnaufpause von der Gasse.

Mit der heutigen Nutzung hat das «Fixerstübli» von damals nicht mehr viel gemeinsam – höchstens noch den Gebrauch der Spritzen, gestern wie heute. Und natürlich das Heroin! Wobei zu sagen ist, das kontrolliert abgegebene Heroin ist weiss und praktisch rein. Heutzutage – wie ich gehört habe – erhält man auf der Gasse «Brown Sugar» mit einem Reinheitsgrad von circa 4 bis 8 Prozent – wenn man Glück hat. Schlimmer ist, dass man meistens nicht weiss, woraus die restlichen 92 bis 96 Prozent des Stoffes bestehen...

Doch zurück zur heutigen Nutzung der Nägeligasse: Der Abgaberaum gleicht einem Ambulatorium, so hygienisch und steril wie möglich gehalten. Bei viel Licht und strenger Aufsicht injiziert sich der «Eingeweihte», die an der Theke beim Team erhaltene Dosis, nachdem man sich mit Fingerscan im Vorraum eingelesen hatte. Zu dieser besonderen Abgabestelle hinter besagter Metalltüre ist aber zu betonen, dass man sich die Nutzung ebendieser verdienen muss. Das heisst: Kein Nebenkonsum, kein übermässiger Alkoholkonsum und eine wie auch immer geartete Tagesstruktur sind Bedingung. Sonst wird man nach einer Verwarnung «zurückversetzt» an den «Hauptsitz», der kontrollierten Drogenabgabe, die nicht mehr ganz im Zentrum der Stadt liegt.
Die Grundbedingungen sind: Langjährige Abhängigkeit und mindestens zwei offizielle Entzugsversuche. Bei mir kam noch meine Obdachlosigkeit dazu. Dass ich kontrolliert Heroin erhalte, verdanke ich dem Umstand, dass ich wirklich alles verloren hatte und bereits über ein Jahr auf der Strasse lebte, als ich mich im Heroinprogramm anmeldete.

Die «Eingeweihten» auf dem Trottoir an der Nägeligasse fallen aber im geschäftigen Menschengewusel nicht sonderlich auf. Denn viele arbeiten, wie ich, ganz normal im ersten Arbeitsmarkt, andere in geschützten Betrieben. Ich hab das Glück, eine Stelle in einem Restaurant zu haben, wo ich seit fast 20 Jahren zwischen 50 bis 80 Prozent – trotz oder gerade wegen dem kontrolliert abgegebenen Heroin – regelmässig arbeite. Im Betrieb wissen alle von meiner Sucht, auch Familie und gute Freunde sind informiert, natürlich sind nicht alle gleich begeistert.

Dieses Glück haben nicht alle. Es gibt Leute, bei denen Arbeitgeber, wie zum Teil auch die eigene Familie, keine Ahnung haben von deren Sucht, geschweige denn von ihrer Nutzung der Heroinabgabe. Es ist leider auch heute noch so, dass Heroinsucht immer noch «des Teufels» ist. Ich kenne Leute, die nach über 17 Jahren beim gleichen und stets hochzufriedenen Arbeitgeber, nach meist ungewolltem Bekanntwerden des Problems, von einem Moment auf den anderen gefeuert wurden. Fristlos! Und kaum einer nahm die Kündigung zurück. Kein Wunder, dass die fürchten, entdeckt zu werden und sich verstohlen umsehen.

Und ich? Seit etwa 15 Jahren, geh ich ein- bis zweimal mal am Tag vor und nach der Arbeit durch diese Metalltüre, beziehe meine Dosis, bleibe im Durchschnitt keine 15 Minuten und gehe danach entweder zur Arbeit oder abends meist nach Hause. Ich sitze dem Staat nicht auf der Tasche und hab mich zu einem funktionierenden Gesellschaftsglied gemausert. Ich besitze wenig, aber bin damit mehr als zufrieden. Vor allem ein Dach über dem Kopf und ein warmes Bett zu haben, schätzt man erst, wenn man sich mit einer feuchten Matratze hat begnügen müssen.

Das also geschieht hinter dieser Metalltüre. Eine echte Lebenshilfe für viele, die, wie ich, ein fast normales Leben führen. Was auch immer «normal» heissen mag...

EMG


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