Henry Ford ist einer der bedeutendsten Unternehmer der Wirtschaftsgeschichte. Seine Passion: Automobile. Zuerst wurde er Rennfahrer, dann am 16. Juni 1903 gründete Henry Ford die Ford Motor Company. 1908 kam sein «Modell T» auf den Markt, das mit 27 Millionen Stück der Rekordhalter der Industrie sein sollte, bis vier Jahrzehnte später der VW-Käfer diese Marke brach. Was war sein Erfolgsgeheimnis? Wir haben Henry Ford ein paar Fragen gestellt. Im Gespräch spricht er über Löhne, Geld, seine Fliessbahnproduktion und gibt Tipps an die Unternehmer von heute.


Herr Ford, Sie gelten als einer der grössten Persönlichkeiten der Wirtschaftsgeschichte, in einer Reihe mit Unternehmern wie John D. Rockefeller, Alfred K. Krupp oder Bill Gates. Was raten Sie einem Wirtschaftstreibenden heute?

Henry Ford: In den Kindertagen des Automobils machte sich die Neigung bemerkbar, den Verkauf als die eigentliche Leistung zu betrachten und den Käufer danach sich selbst zu überlassen. Gerade in diesem Punkt führten wir eine Neuerung ein, die vor allem für das Ford-Automobil sprach. Wer einen unserer Wagen erstand, hatte in meinen Augen Anspruch auf dauernde Benutzung; wenn er eine Panne hatte, war es unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass der Wagen bald wieder gebraucht werden konnte.

Welchen Rat leiten Sie aus dieser Gesichte ab?

Geschäftsleute gehen samt ihrem Geschäft zugrunde, weil sie an einer alten Verkaufsmethode hängen. Das Leben, wie ich es auffasse, ist kein Aufenthalt, sondern eine Reise. Selbst wer glaubt, «sich zur Ruhe gesetzt» zu haben, verharrt gar nicht in Ruhe – sondern gleitet höchst wahrscheinlich abwärts. Der Mensch hat eine starke Liebe zur Regelmässigkeit. Man könnte es so sagen: Wer glaub seine Methode gefunden zu haben, mag in sich gehen und nachforschen, ob nicht ein Teil seines Gehirns eingeschlafen ist.

Sie haben die Löhne Ihrer Mitarbeitenden im Jahr 1904 um 100 Prozent erhöht auf fünf Dollar am Tag. Warum?

Geld an sich ist überhaupt nichts wert, da es für sich keinen Wert zu erzeugen vermag. Sein einziger Nutzen liegt darin, dass es sich zum Ankauf oder zur Herstellung von Werkzeugen gebrauchen lässt. Daher ist das Geld genau das wert, was es uns zu kaufen oder zu produzieren gestattet, nicht mehr.

Sie weichen aus. Sie sagten auch: «Autos kaufen keine Autos. » Sie wollen hohe Löhne zahlen, damit Ihre Mitarbeitenden mehr Kaufkraft besitzen?

Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne zahle. Unser Produkteabsatz hängt von Löhnen ab, die wir zahlen. Sind wir imstande hohe Löhne zu auszuschütten, wird auch wieder mehr Geld ausgegeben. Grundsätzlich sehe ich Löhne als ein bestimmter, im Voraus bezahlter Gewinnanteil, häufig stellt sich bei Jahresschluss heraus, dass ein grösserer Gewinn ausbezahlt werden kann. Und dann müsste er ausbezahlt werden.

Hohe Löhne lassen sich nicht bezahlen, wenn die Arbeiter sie sich nicht verdienen.

Stimmt, die Arbeit der Mitarbeitenden ist das produktive Element. Die Arbeit ist in unserem Dasein Grundbedingung für Gesundheit, Selbstachtung und Glück. Statt ein Fluch ist sie der grösste Segen. Strenge soziale Gerechtigkeit entspringt nur aus ehrlicher Arbeit. Der Arbeiter, der seinem Tagwerk nicht eine gewisse Befriedigung abgewinnt, dem geht der beste Teil seines Lohnes verloren.

Sie gelten als die Person, welche eine komplett neue Produktionsweise einführte: die Fliessbahn-Produktion. Wie kam das?

Bei den ersten Wagen, die wir zusammensetzten, fingen wir an, den Wagen an einem beliebigen Platz am Fussboden zusammenzusetzen, und die Arbeiter brachten die dazu erforderlichen Teile in der Reihenfolge zur Stelle, in der sie verlangt wurden, - ganz so wie man ein Haus baut. Bald waren neue Arbeitspläne erforderlich, um zu vermeiden, dass die Arbeiter übereinander stolperten. Der erste Fortschritt war, dass wir die Arbeit zu den Arbeitern hinschafften, statt umgekehrt. Das führte zur Reduzierung der Bewegungen des Arbeiters. Er kann zwei Sachen mit einer Bewegung verrichten. In unserer Fabrik ist jedes einzelne Arbeitsteil in Bewegung.

Die guten Resultate blieben nicht aus?

Im Oktober 1913 erforderte die Zusammensetzung eines Motors neun Stunden und vierundfünfzig Minuten Arbeitszeit; sechs Monate später war die Zeit durch das System der gleitenden Montagebahnen auf fünf Stunden sechsundfünfzig Minuten gesunken.

Was ist für Sie Wohlstand?

Eine wirkliche Zeit der Blüte ist jede, die einer möglichst grossen Anzahl Menschen alles gewährt, was sie an Essen, Trinken, Kleidung, kurz: zu einem behaglichen Dasein brauchen. Der Grad der Behaglichkeit der Mehrzahl des Volkes – nicht die Höhe des Bankkontos – ist Massstab für den Wohlstand eines Landes.

Noch eine letzte Frage: Zwar haben Sie Ihre Autoproduktion ständig weiterentwickelt. Doch ihr «Modell T» entspricht vom Grundriss her dem ersten Auto, das sie selber entwickelt haben. Warum haben Sie nicht auch den Grundriss weiterentwickelt?

Die Antwort ist simpel: Es ist besser, alle Kraft einzusetzen, eine gute Idee zu vervollständigen, statt anderen, neuen Ideen nachzujagen.

Herr Ford, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Interview: Reto Liniger

Quelle: Henry Ford. Mein Leben und Werk. 2. Auflage 2017. Das Time Magazine nahm Fords Autobiografie in die Liste der 100 wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts auf.

 

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