Die Fallzahlen sind hoch und der Winter naht – wie, zum Teufel, überstehen wir diese kalte Jahreszeit? Zeit sich Rat zu suchen. Vielleicht mit der Lektüre „die Pest“ von Albert Camus. Zwar sind die Pest und Covid-19 nicht vergleichbar; die Frage allerdings, wie sich Menschen verhalten sollten, angesichts einer tödlichen Bedrohung, bleibt dieselbe.

Von Reto Liniger

Der Autor und Denker Albert Camus erzählt in seinem Roman, wie die Einwohner der nordalgerischen Hafenstadt Oran mit der Pest umgegangen sind. Er thematisiert in diesem Roman die grosse Frage, die Camus sein Leben lang umtrieb: Wie lebt am besten angesichts einer tödlichen Bedrohung? Nicht nur die Pest ist da gemeint, sondern das Leben an sich - das in sich eine tödliche Sache ist.

Oran ist eine gewöhnliche Hafenstadt, eine "Stadt ohne Ahnung". Doch dann sterben die Ratten, dann die Menschen – die Pest bricht unvermutet aus und reisst die Menschen aus ihrem gewohnten Leben. Die Stadttore werden geschlossen, die Pest macht aus Oran urplötzlich eine Todeszone.

Corona hat auch uns bewusstgemacht, wie instabil die Welt ist, wie unkontrollierbar und zerbrechlich. Camus sagt: Der Mensch strebe nach Ordnung und Kontrolle, nach logischen Erklärungen und präzisen Vorhersagen, die Welt funktioniere aber genau anders herum. Sie ist irrational, unkontrollierbar und sie ist voller Überraschungen; sie ist absurd, um einen Kernbegriff Camus' zu benutzen. Es ist eine schweigende, eine nicht von Sinn erfüllte Welt.

Der Mensch aber strebt nach Strukturen, nach Routinen und Harmonie, das Leben aber ist zufällig und kann innert Sekunden aus den Fugen brechen – eine schwere Krankheit kann uns treffen, der Tod eines nahen Menschen oder eben Corona oder die Pest kann dazu führen, dass unser normales Leben sein Normalsein verliert.

Das Absurde entsteht gemäss Camus, wenn das menschliche Bedürfnis nach Logik auf die Welt trifft. Unser Hunger nach Sinn, nach Klarheit, nach Wahrheit auf die Weigerung der Welt trifft, diesen Hunger zu stillen. „Absurd ist der Zusammenstoss des Irrationalen mit dem heftigen Verlangen nach Klarheit, das im tiefsten Innern des Menschen laut wird“, schrieb Camus.

Die Widrigkeiten aushalten!

Wie sollten wir mit der Absurdität der Welt umgehen? Wie gehen wir damit um, dass der Tod alle unsere Bemühungen einmal zerstören wird? Camus' Antwort ist einfach: Wir müssten lernen die Absurdität auszuhalten, es gelte die Verzweiflung, die Abwesenheit von Sinn und die Orientierungslosigkeit auszuhalten. Wir dürften keine Erlösung in einer Religion oder Ideologie suchen, sondern sollten das reine Leben aushalten. Bei Nietzsche hiess dies, amor fati – die Akzeptanz des Schicksals. Ein glückliches Leben kann nur diejenige Person leben, die ihre Existenz den realen Bedingungen anpasst – und dazu gehört Unglück, Tod oder Corona.

Es gelte leidenschaftlich zu kämpfen und sich von den Zumutungen des Lebens nicht beirren zu lassen. Camus spricht von der täglichen Revolte: Aufstehen, arbeiten, haushalten – diese täglichen Arbeiten gelte es zu erledigen, ohne den Mut zu verlieren. Wie Sisyphos, der stolz und trotzig seinen Stein den Berg hinauf rollt - immer und immer wieder. „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“, schreibt Camus. Sisyphos hat erkannt, der Sinn des Lebens, ist der Glaube an das Leben selbst.

Dem Schicksal trotzen - die Revolte – diese Haltung wird im Roman „die Pest“ durch Doktor Rieux personifiziert, der beharrlich, die an der Pest erkrankten pflegt, obwohl diese oft kaum Aussicht auf Überleben haben.

Im Roman wird er gefragt: „Warum zeigen Sie selbst so viel Aufopferung?“

„Ich weiss nicht, was mich erwartet und was nach all dem kommen wird. Vorerst sind da die Kranken, und sie müssen geheilt werden“, antwortet Rieux.

„Aber ihre Siege werden immer vorläufig sein, das ist alles“, entgegnet der Andere.

Immer seien es vorläufige Siege, antwortet Rieux. „Das ist aber kein Grund, den Kampf aufzugeben.“ 

Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid schreibt ganz im Stile Camus', wir sollten uns „wohnlich im Garten am Rande des Abgrunds einrichten.“ Schmid sagte in der NZZ am Sonntag dazu: Wir seien nicht Gott und könnten eine Realität nicht abschaffen, die uns quergekommen ist. „Der Abgrund ist, dass es Dinge gibt, die wir nicht beeinflussen können. Der Abgrund ist, dass Katastrophen geben kann.“ Es gelte, damit zu leben, dass es diese Abgründe gebe. Sich mit den Abgründen anfreunden heisst, den Tod, Krankheit und Sterben nicht zu tabuisieren, sondern mit ihnen in Freundschaft leben.

 

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