Forschungen zeigen menschlichen Einfluss auf Tsunamis

(CONNECT) Tsunami-Gefahren können nicht nur in den Weltmeeren, sondern auch in Binnengewässern auftreten. Forschende der Universität Bern beteiligen sich an einem Projekt, das die Folgen menschlichen Handelns für ein mögliches Tsunami-Geschehen bei Binnenseen aufklärt. Die Forschungen wurden laut einer Mitteilung unter Leitung der französischen Université Savoie Mont Blanc mit Sitz in Chambéry am italienischen Iseo-See durchgeführt.

Die Forschenden stellten bei den Untersuchungen fest, dass Landwirtschaft, Viehzucht, Abholzung, Siedlungsbau und andere Formen der Landnutzung die Bodenerosion fördern und sich Sedimente in Fluss- und Bachdeltas ablagern. Bei Erdbeben können so unterseeische Berge einstürzen und dabei grosse Wassermengen verdrängen. Beispiele fanden sie hierfür am Iseo-See, dem viertgrössten See am südlichen Rand der Alpen. Mit historischen und archäologischen Befunden sowie Computersimulationen rekonstruierten die Forschenden zwei verheerende Tsunamis, die durch Erdbeben in den Jahren 1117 und 1222 ausgelöst wurden. „Der Iseo-See bietet ein einzigartiges natürliches Archiv: Hier können wir geologische Spuren mit historischen Berichten verbinden und dadurch nachvollziehen, wie sich diese katastrophalen Ereignisse abgespielt haben“, wird Flavio Anselmetti, Professor am Institut für Geologie der Universität Bern und Mitautor der Studie, in der Mitteilung zitiert.

Die Simulationen zeigten, dass der Tsunami von 1117 in der Nähe des nördlichen Seeufers Auflaufhöhen von mehr als 50 Metern erreicht haben könnte. Dokumente der Vatikanischen Bibliothek berichteten, dass der See über die Ufer trat und zahlreiche Burgen und Festungen zerstört wurden. Nach einem zweiten Kollaps 1222 haben sich Sedimente erneut aufgetürmt und könnten bei einem weiteren Beben einstürzen. Ähnliche Beobachtungen lassen sich auf den Gardasee und den Comer See übertragen. Dabei handelt es sich um dicht besiedelte Gebiete an den Uferzonen. Künftige seismische Ereignisse könnten diese Zonen bedrohen. Internationale Vergleiche zeigen ähnliches Geschehen auch an Seen in der Schweiz, in Alaska und in Neuseeland.

Pierre Sabatier von der Université Savoie-Mont-Blanc und Leiter der Studie zeigt sich überzeugt, dass „Gefährdungsanalysen künftig nicht nur Erdbeben, sondern auch die Folgen von Landnutzung, verstärkter Sedimentablagerung und instabilen Delta-Hängen berücksichtigen sollten“. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature Communications publiziert. ce/ww

Quelle: punkt4.info / Café Europe